Therapiewartezeit Die Wartezeit als Forschungszeit

Während Sie warten

Auf einen Therapieplatz zu warten heißt nicht, auf sich selbst zu warten.

Die Wartelisten sind in Deutschland skandalös lang. Die Politik muss kurzfristig für die drastische Senkung der Wartezeiten sorgen. Bis es soweit ist: Wer nicht von einer schweren Depression betroffen ist und daher Anspruch auf sofortige Hilfe haben muss, kann die Wartezeit als aktive Forschung an sich selbst und mit kleinen, täglichen Veränderungen als Entwicklungszeit nutzen.

Kein Ersatz für Psychotherapie. Sondern ein Weg, die Zeit bis dahin nicht zu verlieren.

Zwei Einordnungen vorab

Diese Seite ersetzt keine Strukturpolitik. Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind ein politisches Versäumnis und müssen auf das vertretbare Minimum gesenkt werden. Das Folgende ist kein Argument dafür, das Warten hinzunehmen, sondern nur ein Weg, die aufgezwungene Zeit nicht ganz zu verlieren.

Alle Empfehlungen gelten milden Formen von Verstimmung, wie sie eher dem diagnostischen Signal einer Anpassungsstörung entsprechen als dem einer schweren Depression. Wer an einer schweren Depression leidet, hat Anspruch auf sofortige Hilfe und sollte nicht warten, sondern umgehend ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung suchen.

Die gewohnte Deutung

Wartezeit als Stillstand

Man hält still, hält durch, hält aus. Der Alltag bleibt, wie er ist, weil die eigentliche Arbeit ja erst mit der Therapie beginnen soll. Die Verantwortung wandert nach außen: zur Praxis, zur Warteliste, zu einem Termin in einigen Monaten.

Die andere Deutung

Wartezeit als Selbstforschung

Sie werden für diese Wochen zur forschenden Instanz in eigener Sache. Nicht, um sich zu behandeln, sondern um zu beobachten, zu notieren, kleine Dinge zu verändern und zu prüfen, was sich bewegt. Die Gegenwart wird verständlich, wenn man sie aus der Vergangenheit ableitet.

Vier Verfahren

Jedes ruht auf einer Studie

Kleine, wiederholbare Interventionen, abgeleitet aus Befunden zur Selbsthilfe in Krisen. Zusammen ergeben sie ein Forschungsprogramm für die Wartezeit.

I

Laufen

Täglich, moderat. Bewegung, die messbar auf das depressive Erleben wirkt: nicht als Ablenkung, sondern als Wirkstoff.

NOETEL ET AL., BMJ 2024
II

Aufschreiben & Reframing

Dreimal fünfzehn Minuten. Zustände ungefiltert benennen und dann jeden Satz vom Loswerden ins Erreichen übersetzen.

PENNEBAKER · BAIKIE & WILHELM 2005
III

Der Kittel

Ein Kleidungsstück als Schalter. Wer den Laborkittel anzieht, versetzt sich sichtbar in einen Zustand des Forschens statt des Erleidens.

ADAM & GALINSKY 2012
IV

Die Erwartung

Schon das Warten wirkt. Die Zuversicht, dass Hilfe kommt, ist selbst ein Faktor der Veränderung, wenn man sie zulässt.

CONSTANTINO ET AL. 2018

Der überraschende Befund

„Wer glaubt, dass Hilfe wirken wird, dem hilft sie messbar besser."

Über 81 Stichproben hinweg sagt die positive Ergebniserwartung den späteren Therapieerfolg vorher. Das heißt: Die Wochen des Wartens sind kein Leerlauf. Sie sind die Zeit, in der sich Zuversicht aufbauen lässt.

Jerome Franks alter Begriff dafür: Remoralisierung: die Wiederherstellung des Glaubens, sich verändern zu können. Sie beginnt nicht am ersten Therapietag. Sie beginnt jetzt.

Verfahren IV lesen →

Constantino, Vîslă, Coyne & Boswell (2018). Psychotherapy, 55(4), 473–485.

Die Haltung dahinter

Sie sind die forschende Instanz.

Forschung braucht drei Dinge: eine Frage, ein Protokoll und ein Heft, in dem man festhält, was passiert. „Ichforschung" nennt diese Seite das kleine Buch, in dem Sie Ihre Aufgaben, Beobachtungen und Gedanken sammeln, Tag für Tag, ohne Bewertung.

Nicht, um sich zu diagnostizieren. Sondern um zu sehen, wie die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgeht, und an welcher kleinen Stelle sich morgen etwas anders machen lässt.

Das Protokoll in Kürze

  1. Kittel an: bewusst in den Forschungszustand wechseln.
  2. 15 Minuten laufen, bei Tageslicht.
  3. 15 Minuten schreiben: Wie ist der Zustand gerade?
  4. Einen belastenden Satz ins Annäherungsziel übersetzen.
Ganzes Verfahren →

Heute anfangen · Tag 1

Warten Sie nicht bis Montag. Vier Schritte, heute.

Schlagen Sie Ihr Ichforschung-Buch auf und schreiben Sie die vier Schritte für heute hinein: Kittel an. Fünfzehn Minuten gehen. Fünfzehn Minuten schreiben. Einen Satz umdrehen. Haken Sie ab, was erledigt ist, mit der Hand, auf Papier.