Verfahren IV
Das vierte Verfahren verlangt keine Handlung, sondern eine Ausrichtung. Die Forschung zeigt etwas Kontraintuitives: Schon die Erwartung, dass Hilfe wirken wird, ist selbst ein wirksamer Bestandteil der Veränderung. Die Wartezeit ist damit kein Nichts. Sie ist die Zeit, in der sich diese Erwartung aufbauen lässt.
Der Gedanke
Der Psychiater Jerome Frank beschrieb schon vor Jahrzehnten, dass Menschen entmutigt in eine Behandlung kommen und dass jede wirksame Therapie zuerst diesen Mut wiederherstellt. Er nannte es Remoralisierung: die Rückkehr des Glaubens, sich verändern zu können.
Das Entscheidende: Dieser Prozess wartet nicht auf den ersten Therapietermin. Er beginnt in dem Moment, in dem Sie beschließen, die Wartezeit zu nutzen. Wer heute eine kleine Sache verändert und beobachtet, dass sich etwas bewegt, baut genau die Erwartung auf, die die spätere Therapie wirksamer macht.
Kein Missverständnis: Die Wartezeit ist kein wünschenswerter Zustand. Sie gehört auf das vertretbare Minimum gesenkt, nicht verklärt. Der hier beschriebene Aufbau von Zuversicht gilt milden Formen von Verstimmung im Bereich einer Anpassungsstörung. Bei einer schweren Depression ist Warten keine Option, sondern ein Fall für sofortige Hilfe.
So nähren Sie die Erwartung
Der Befund
„Eine positivere Ergebniserwartung zu Beginn sagte über 81 Stichproben hinweg einen besseren Behandlungserfolg vorher."
Die Metaanalyse von Constantino und Kollegen fasste 81 unabhängige Stichproben zusammen. Der Zusammenhang war klein, aber verlässlich (gewichtetes r ≈ .18), über verschiedenste Diagnosen und Therapieformen hinweg. Die Erwartung ist kein Ersatz für Behandlung, aber ein realer, formbarer Faktor.
Constantino, M. J., Vîslă, A., Coyne, A. E. & Boswell, J. F. (2018). Psychotherapy, 55(4), 473–485.
Heute anfangen
Schreiben Sie einen Satz auf, der beides enthält: wann Ihre Therapie beginnt und was Sie bis dahin schon selbst in Gang gesetzt haben.