Therapiewartezeit Die Wartezeit als Forschungszeit

Verfahren III

Der Kittel & die Ichforschung

Dies ist das Herzstück. Ein einfaches Ritual, einen weißen Laborkittel anziehen, versetzt Sie sichtbar und spürbar aus dem Zustand des Erleidens in den Zustand des Forschens. Und ein kleines Buch, „Ichforschung", hält fest, was diese Forschung zutage fördert.

Das Ritual

Wer in eigener Sache leidet, ist der Sache ausgeliefert. Wer in eigener Sache forscht, tritt einen Schritt zurück und betrachtet sie. Der Kittel markiert genau diesen Wechsel, körperlich, nicht nur gedanklich. Sie ziehen ihn an, wenn Sie mit sich arbeiten, und aus, wenn Sie fertig sind. Der Zustand bekommt einen Anfang und ein Ende.

Einen einfachen weißen Arzt- oder Laborkittel bekommt man online für rund 25 Euro. Es geht nicht um Verkleidung, sondern um ein verlässliches Signal an sich selbst: Jetzt untersuche ich.

Dieses Ritual ist für Phasen milder Verstimmung gedacht, wie sie eher einer Anpassungsstörung entsprechen. Es macht das Warten erträglicher, rechtfertigt es aber nicht: Die Wartezeiten müssen auf das vertretbare Minimum sinken. Eine schwere Depression gehört nicht erforscht, sondern sofort behandelt.

Kittel an

Forschungszustand. Beobachten, notieren, eine kleine Veränderung ausprobieren. Nichts muss gelingen. Es wird nur untersucht.

Kittel aus

Alltag. Die Untersuchung ruht. Was Sie herausgefunden haben, bleibt im Buch und wartet auf die nächste Sitzung mit sich selbst.

Der Befund

„Wer einen als Arztkittel beschriebenen Laborkittel trug, zeigte messbar erhöhte, anhaltende Aufmerksamkeit."

Adam & Galinsky prägten dafür den Begriff enclothed cognition: Kleidung wirkt auf das Denken, wenn zwei Dinge zusammenkommen: ihre symbolische Bedeutung und das körperliche Tragen. Denselben Kittel nur zu sehen genügte nicht. Man musste ihn anziehen. Genau darum ist der Kittel ein Ritual und kein Bild.

Adam, H. & Galinsky, A. D. (2012). Enclothed cognition. Journal of Experimental Social Psychology, 48(4), 918–925.

Das Buch · „Ichforschung"

Ein Heft, das aus dem Zustand herausführt.

Legen Sie ein kleines Buch an und nennen Sie es „Ichforschung". Darin sammeln Sie dreierlei: die Aufgaben, die Sie sich stellen; die Beobachtungen, die Sie machen; und die Gedanken, die dabei auftauchen. Datiert, Tag für Tag.

Der eigentliche Trick liegt im Blättern: Wenn Sie nach zwei Wochen zurücklesen, sehen Sie, wie die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgegangen ist: welcher Zustand welchem folgte, welche kleine Handlung was bewegte. Aus dem diffusen „Mir geht es schlecht" wird eine nachvollziehbare Spur. Und Spuren lassen sich fortschreiben.

Aufgabe

Was probiere ich heute aus?

Beobachtung

Was ist tatsächlich passiert?

Gedanke

Was schließe ich vorläufig daraus?

Heute anfangen

Schlagen Sie das erste leere Heft auf, schreiben Sie das Datum und darunter ein Wort: Ichforschung. Mehr braucht Tag 1 nicht.